Dampfschiff, Dampfboot
Dampfboot Charlotte, Vorbild-Boot für Escher Wyss
Datierung
1894Personen
Beschreibung
Dampfboot Charlotte, Vorbild-Boot für Escher Wyss. ältestes original erhaltenes maschinengetriebenes Schiff der Schweiz Herausragender Originalzustand genietete Holzschale in Klinkerbauweise Bootsführer und Maschinist in einer Person, 5 Passagiere vertikale, doppeltwirkende, stehende Zweizylinder-Verbundmaschine; LIFU, Cowes, England petrolbetrieben Kessel; Thornycroft Chiswick/GB Starr-Achs Antrieb mit original 3-Flügel-Bronce-Propeller 20" (50,8cm) Techologioetransfer: 1895 gekauft durch Escher Wyss, Zürich und als 1. Dampfschiff für eine Serie von über 220 EW-Dampfboote gebraucht Ab 2001 im Eigentum von Kurt und Charlotte Bolt - Kunz (Schiffsname original aus dem 19.Jh.) Die 82 Kupferrohre bieten ca. 4,2 m2 Heizfläche und produzieren 80 kg Dampf (Verbrauch 10l Leuchtpetrol/Kerosein, bzw.Jet A1)Signatur / Beschriftung
Signatur / Beschriftung: Beschriftung: "Charlotte" "SZ 84"Objekttyp
Objekt (dreidimensional)Geografie
Territorium: ZürichseeMaterial / Technik
Maschine: Metall; Rumpf: Holz, KlinkerbauweiseObjektmasse
840 x 152 cm 1200 kg (Verdrängung)Inventarnummer
VHS-12200Anschrift
Dampfboot „Charlotte“, England 1894
Wichtiges Vorbild für private Freizeitboote
Der Schraubendampfer „Charlotte“ ist das älteste original erhaltene maschinengetriebene Schiff in der Schweiz, wie die französische Prüfplakette mit Datum 3. Dezember 1894 am Dampfkessel beweist. Das englische Boot wurde offenbar in Frankreich fertiggestellt. Der damalige Direktor von Escher Wyss & Cie., Zürich, Gustave Naville, kaufte das Boot. Im Sinne eines Techniktransfers diente es in der Folge als Vorbild für über 200 durch Escher Wyss erbaute Dampfmotorboote. Die Aufschrift „Escher Wyss - 1895 - No. 92“ auf dem Zylinder ist also irreführend.
Als einzigartiger Zeuge aus den Anfängen maschinengetriebener Vergnügungsboote in der Schweiz markiert das Boot den Beginn der Freizeitschifffahrt und ist ein Vorläufer der vielen Motorboote, die heute auf unseren Seen verkehren. Die „Charlotte“ war längere Zeit das schnellste Boot auf dem Zürichsee. Nach dem Konkurs von Escher Wyss ging sie 1934 in Privatbesitz. Das Boot fuhr während 122 Jahren ausschliesslich auf dem Zürichsee. Erst die letzten Fahrten vor der Auswasserung und Übergabe ans Verkehrshaus im Jahr 2017 fanden auf dem Vierwaldstättersee statt. Die „Charlotte“ funktioniert rein mechanisch, es gibt auf dem Boot keinen einzigen elektrischen Draht.
Dampfboot
Bis in die 1970er-Jahre war die Schweiz eine Industrienation von Weltgeltung. Nebst den Gebrüdern Sulzer, welche zunächst Dampfmaschinen und später Grossdieselmotoren in alle Welt lieferten, genoss auch Escher Wyss & Cie. Einen vorzüglichen Ruf. Gegründet 1805 als zweite mechanische Spinnerei der Schweiz (mit Maschinen aus England), begann Escher Wyss schon 1837, nach englischem Vorbild Dampfmaschinen für die Industrie und die Schifffahrt zu bauen, und als Spezialität auch komplette Dampfschiffe. Von 589 Bestellungen für grosse Dampfer, die bis 1913 registriert wurden, handelte es sich bei 290 nur um Maschinenanlagen. Die anderen 299 hingegen waren „schlüsselfertige“ Schrauben- und vor allem Seitenraddampfer.
Die Holzbootbauer von Escher Wyss waren mit dem Bau von Rettungsbooten für die grossen Dampfschiffe nicht ausgelastet. Deshalb begann ab 1888 eine eigene Abteilung damit, „Motorboote“ zu bauen, nämlich Naphta- und kleine Dampfboote, später auch Benzin- und Elektroboote. Nach dem englischen Vorbild in Gestalt der hier ausgestellten „Charlotte“ wurden wohl über 200 Boote unterschiedlicher Form und Grösse gebaut. Über deren Verbleib ist nur sehr wenig bekannt. Umso einzigartiger ist der Erhalt eben dieses Vorbildes, an dem in den 122 Betriebsjahren kaum nennenswerte Veränderungen vorgenommen wurden.
Wasserrohrkessel – der Turbo des 19. Jahrhunderts
Dampfkessel wurden traditionell mit Festbrennstoffen wie Holz oder Kohle betrieben. Seit der Entdeckung des Erdöls im Jahr 1857 wurden Raffinerie-Produkte immer beliebter. Die Firmen Lifu und Thornycroft revolutionierten den Dampfkesselbau und machten flüssige Brennstoffe modern. Petrol wurde zuerst in Lampen verwendet, und ab etwa 1890 galt es als fortschrittlich und sauber, auch mit Petrol zu heizen. Als Leuchtpetrol bzw. Kerosin bezeichnet man ein Destillat, das bezüglich Weiterverarbeitungsgrad und Russbildung etwa zwischen Heizöl und Benzin liegt. Der Dampfkessel der „Charlotte“ war damit in nur rund 30 Minuten betriebsbereit. Wasserrohrkessel sind bei vergleichbarer Leistung wesentlich leichter und kompakter als herkömmliche Dampfkessel. Dünnwandige Rohre tragen auch zu einem optimalen Wärmeübergang bei. Für 15 bar Druck werden Rohre mit nur gerade 0,8 mm Wandstärke verwendet.
Das Ölkännchen – für die vierte wichtige Flüssigkeit
Für Dampf braucht es Wasser, im Dampfkessel verbrennt Petrol (Kerosin), und um den Brenner vorzuwärmen, benötigt man Brennspiritus. Die vierte wichtige Flüssigkeit ist Öl. Trotz der Zentralschmierung sind noch ein gutes Dutzend weitere Ölstellen an der Dampfmaschine vorhanden. Diese lassen sich bequem schmieren mit dem „Ölpintli“, welches einen extra langen Ausguss hat, um auch versteckte Stellen zu erreichen.
Kesselfragment
82 Rohre mit nur 0,8 mm Wandstärke erzeugen bis zu 100 kg/h Dampf von 15 bar (1,57 MPa) für „Charlotte“. Das Datum auf der französischen Plakette ist Zeugnis der ersten Kesselprüfung am 3. Dezember 1894.
Heizwerte von Brennstoffen
Hartholz / 4’100 kcal/kg / 17,2 MJ/kg
Holzkohle / 6’600 kcal/kg / 27,6 MJ/kg
Steinkohle / 8’000 kcal/kg / 33,5 MJ/kg
Petrol / 10’560 kcal/kg / 44,2 MJ/kg
Benzin / 10’850 kcal/kg / 45,4 MJ/kg
Wasserstoff / 29’000 kcal/kg / 121,4 MJ/kg
Verdampferplatte
Das Petrol (Kerosin) wird im Labyrinth vom Feuer aufgeheizt und verdampft zu Petrolgas. Diesem Gas wird aus einer zweiten Leitung Verbrennungsluft zugeführt, sodass es möglichst rauchlos verbrennt.
Kesselrohre und Verschraubungen
Auf das Kupferrohr wird die Überwurfmutter geschoben. Dann wird das Rohr gebördelt (am Ende aufgeweitet), sodass dies die Dichtfläche bildet, wenn das Rohr auf den Nippel geschraubt wird.
Eigenschaften
Hauptfarbe
weiss, türkisAnzahl Besatzung
1Anzahl Passagiere
5Höchstgeschwindigkeit [km/h]
13.6Antriebsart
KolbendampfmaschineMotorenbauweise
stehendLeistung [kW]
11Zylinderzahl
2Drehzahl [U/min]
400Dampf [bar]
15Systematik
• Dampfschiffe
Literatur
Charlotte ist 84 Jahre alt, Autor/in: Kruck, A., S., Abb.: 294-295, Signatur: ZG 33
Luxusyachten aus Zürich = Des yachts de luxe zurichois [Freizeitboote von Escher-Wyss], Autor/in: von Felten, Lorenz, Signatur: ZH 2
Die Waagerecht-Schichtbauweise, Autor/in: Hinderer, W., S., Abb.: 294-295, Signatur: ZG 33 (-> Infodesk)
Historische Schiffe auf Schweizer Gewässern = Les bateaux historiques sur les eaux Suisses, Autor/in: Scheiwiller, Yvonne, S., Abb.: S. 117, Signatur: WGU 20
Verkehrsgeschichtliche Schatzkammer Verkehrshaus Luzern, Autor/in: Scheiwiller, Yvonne, S., Abb.: S. 117, Signatur: WGU 20
Von Land zu Land. Schifffahrt auf dem Vierwaldstättersee, Autor/in: Ragaz, Stefan, S., Abb.: S. 117, Signatur: WGU 21
Das Verkehrshaus Wimmelbuch, Autor/in: Waltenspühl, Amadeus, Signatur: HGU 44 sowie KBH 4
